Berlin · 09.11.1989 · MEZ
Mauerfall 1989: Ablauf, Ursachen, Quellen und Gedenken
Ein Ratgeber für alle, die den 9. November 1989 wirklich verstehen wollen: was wann geschah, wer entschied, welche Dokumente das belegen – und wo die Grenzen des Belegs liegen.

Kurzantwort: Was geschah am 9. November 1989?
Am Abend des 9. November 1989 verlas SED-Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer live übertragenen Pressekonferenz eine neue Reiseregelung der DDR. Auf die Frage, wann sie gelte, antwortete er: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Tatsächlich war eine Sperrfrist bis zum 10. November, 4 Uhr, vorgesehen. Viele Ost-Berliner verstanden die Antwort als Erlaubnis, sofort in den Westen zu fahren, und gingen zu den Übergängen. Gegen 23:30 Uhr ließ der Bornholmer-Straße-Kommandeur Harald Jäger ohne Befehl von oben die Kontrollen einstellen – der erste Übergang, der vollständig öffnete. In dieser Nacht fiel kein Schuss.
Wichtig für jede weitere Einordnung: Die Mauer verschwand nicht in einem Augenblick. Der Mauerfall ist nicht mit der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 identisch, und das Brandenburger Tor wurde erst am 22. Dezember 1989 als Übergang geöffnet.
Ablauf in der Nacht: Uhrzeiten, Orte und Belege
Die Zeiten folgen den Chronologien von Chronik der Mauer und Haus der Geschichte. Wo die Quellen nicht sekundengenau sind, stehen die Angaben als Zeitspanne – nicht als exakte Minute.
Herbst 1989
Flucht und Friedliche Revolution
Der 9. November hat eine Vorgeschichte: Ausreisen über Ungarn und die Prager Botschaft, Montagsdemonstrationen und der Ruf nach freien Wahlen setzen die SED unter Druck. Am 9. Oktober demonstrieren in Leipzig etwa 70.000 Menschen friedlich. Am 18. Oktober wird Erich Honecker abgelöst; am 4. November folgt die große Demonstration auf dem Alexanderplatz. Der Mauerfall ist nicht nur das Ergebnis eines Versprechers, sondern auch dieser gesellschaftlichen Bewegung.
Beleg öffnen09.11. · tagsüber
Eine neue Reiseregelung entsteht
Eine Arbeitsgruppe erarbeitet eine Übergangsregelung: Privatreisen sollen ohne besondere Reiseanlässe beantragt werden können; dauerhafte Ausreisen sollen auch über die Grenze nach West-Berlin möglich werden. Visa und Verwaltungsverfahren bleiben im Text vorgesehen. Die Veröffentlichung der Pressemitteilung ist für den nächsten Morgen vorgesehen – nicht eine sofortige, kontrollfreie Grenzöffnung am Abend.
Beleg öffnen18:00
Die Pressekonferenz beginnt
Im Internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße berichtet Günter Schabowski über die Beratungen des SED-Zentralkomitees. Das DDR-Fernsehen überträgt live. Schabowski hat die neue Vorlage erhalten, kennt ihre praktische Umsetzung jedoch nicht im Detail. Erst gegen Ende der Konferenz wird nach dem Reisegesetz gefragt.
Beleg öffnenca. 18:53–18:57
„Sofort, unverzüglich“
Riccardo Ehrman fragt nach dem Reisegesetzentwurf; weitere Journalisten fragen nach dem Inkrafttreten. Schabowski liest aus der Vorlage und antwortet schließlich: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Er erwähnt auch Berlin (West). Die Ton-Abschrift setzt beim Fragenblock um 18:52:40 Uhr ein; deshalb ist die bekannte Aussage hier als Zeitspanne statt als sekundengenauer Moment angegeben.
Beleg öffnen20:00
Die Nachricht erreicht die Wohnzimmer
Nach Agenturmeldungen verbreiten Ost- und Westfernsehen die neue Reiseregelung. Die Tagesschau berichtet um 20 Uhr. Viele Ost-Berliner verstehen die Nachricht als Erlaubnis, sofort in den Westen zu gehen, und machen sich mit ihren Ausweisen auf den Weg. Die Grenzposten besitzen zu diesem Zeitpunkt keinen entsprechenden Befehl zur allgemeinen Öffnung.
Beleg öffnenca. 20:30–21:00
Warten an der Bornholmer Straße
Am Übergang Bornholmer Straße sammeln sich immer mehr Menschen. Sie berufen sich auf Schabowskis Worte und rufen „Tor auf!“. Die Passkontrolleure unter Leitung von Harald Jäger telefonieren mit Vorgesetzten, erhalten aber keine klare Lösung. Auch an anderen Berliner Übergängen wächst der Andrang. Bornholmer Straße ist ein Grenzübergang an der Bösebrücke – nicht am Brandenburger Tor.
Beleg öffnenca. 21:20
Die riskante „Ventillösung“
Einzelne besonders drängende Bürger werden zunächst durchgelassen. Ihre Ausweise werden so gestempelt, dass sie nach dem Willen der Behörden nicht zurückkehren sollen – ohne dass dies den Betroffenen klar erklärt wird. Diese sogenannte Ventillösung mindert den Druck nicht dauerhaft. Noch ist das keine allgemeine Reisefreiheit; die Menge wächst weiter.
Beleg öffnen22:42
Tagesthemen: „Die Mauer ist offen“
Hanns Joachim Friedrichs eröffnet die Tagesthemen mit der Nachricht, die DDR-Grenzen seien ab sofort für jedermann geöffnet. Die Formulierung ist der Lage an vielen Übergängen voraus: Dort wird noch kontrolliert oder die Öffnung steht aus. Die Fernsehnachrichten verstärken jedoch die Erwartung, dass man jetzt passieren darf, und weitere Menschen kommen zur Grenze.
Beleg öffnenca. 23:30
Bornholmer Straße öffnet vollständig
Angesichts des anhaltenden Andrangs lässt Harald Jäger die Kontrollen einstellen. Tausende Menschen gehen über die Bösebrücke nach West-Berlin. Das Haus der Geschichte nennt 23:29 Uhr, andere Chronologien runden auf 23:30 Uhr. Entscheidend ist: Dieser Übergang öffnet zuerst unbeschränkt; die Berliner Mauer verschwindet nicht in einem einzigen Augenblick und wird nicht in dieser Nacht vollständig abgebaut.
Beleg öffnen10.11. · nach 00:00
Weitere Übergänge folgen
Im Verlauf der Nacht öffnen weitere Grenzübergänge. West-Berliner begrüßen die Besucher; viele Menschen kehren nach ihrem ersten Ausflug wieder nach Hause zurück. Am Brandenburger Tor feiern Menschen auf der Mauer. Das Tor selbst bleibt als regulärer Übergang noch geschlossen: Seine offizielle Öffnung folgt erst am 22. Dezember.
Beleg öffnen10.11. · morgens
Besuche, Visa und lange Schlangen
Am Morgen wird die neue Regelung veröffentlicht. Vor Pass- und Meldestellen bilden sich Schlangen; an Berliner und innerdeutschen Übergängen kommt es zu großem Andrang. Manche besuchen Verwandte, andere sehen erstmals West-Berliner Straßen und Geschäfte. Die politische Zukunft ist offen: Grenzöffnung und deutsche Wiedervereinigung sind zwei verschiedene Ereignisse.
Beleg öffnen22.12.1989
Das Brandenburger Tor öffnet
Helmut Kohl und Hans Modrow nehmen an der Öffnung des Brandenburger Tors teil. Erst jetzt wird an diesem symbolischen Ort ein Übergang geschaffen. Weitere Mauerabschnitte werden in den folgenden Monaten abgebaut. Die staatliche Einheit erfolgt am 3. Oktober 1990 – nicht bereits am 9. November 1989.
Beleg öffnen
Wie sicher sind die Uhrzeiten?
Die berühmte Antwort ist keine sekundengenaue Minute: Die veröffentlichte Ton-Abschrift setzt beim Fragenblock um 18:52:40 Uhr an, deshalb führt diese Seite die Aussage als Zeitspanne von etwa 18:53 bis 18:57 Uhr. Für die Bornholmer Straße nennt das Haus der Geschichte 23:29 Uhr, andere Chronologien runden auf 23:30 Uhr. Die Reihenfolge der später geöffneten Übergänge ist in manchen Darstellungen symbolisch geordnet – belegt ist, dass sie in dieser Nacht nachfolgten.
Warum fiel die Mauer? Die Vorgeschichte
Der 9. November war kein Zufall und kein reines Missverständnis. Die Mauer war seit 1961 die Antwort der DDR auf Massenflucht; im Herbst 1989 wurde diese Antwort unregierbar.
1961: Eine Stadt wird durchtrennt
Am 13. August 1961 riegelte die DDR West-Berlin ab. Aus Stacheldraht wurde eine gestaffelte Anlage mit Hinterlandmauer, Signalzaun, Kolonnenweg, Wachtürmen und der rund 3,60 Meter hohen Vorderlandmauer. Etwa 155 Kilometer umschlossen West-Berlin, davon rund 43 Kilometer mitten durch die Stadt. Für die Betroffenen bedeutete das getrennte Familien, versperrte Arbeitswege und zwei Wirklichkeiten in einer Stadt.
Das Grenzregime blieb bis zuletzt tödlich: Ein Forschungsprojekt der Gedenkstätte Berliner Mauer und des Zentrums für Zeithistorische Forschung hat mindestens 140 Todesopfer nachgewiesen – Flüchtende, Grenzsoldaten und Unbeteiligte. Chris Gueffroy wurde im Februar 1989 als letzter fliehender DDR-Bürger erschossen, nur wenige Monate vor der Öffnung.
1989: Flucht, Botschaften und Montagsdemonstrationen
Ab Mai 1989 öffnete Ungarn seine Grenze schrittweise. Tausende flohen über Ungarn oder suchten Zuflucht in den Botschaften in Prag und Warschau. Im Inland wuchsen die Montagsdemonstrationen: Am 9. Oktober zogen in Leipzig rund 70.000 Menschen friedlich durch die Straßen, und der Staat griff nicht ein – ein Wendepunkt. Am 18. Oktober wurde Erich Honecker als SED-Chef abgelöst, am 4. November demonstrierten Hunderttausende auf dem Alexanderplatz. Die Führung verlor die Kontrolle über das Tempo der Ereignisse.
Der 9. November: eine Reform, die zu weit ging
Am Vormittag des 9. November formulierten Offiziere des Innenministeriums und der Staatssicherheit eine neue Reiseregelung. Sie erlaubte künftig Privatreisen ohne Reiseanlass und Verwandtschaftsnachweis – und sah zusätzlich Ausreisen über die Grenze nach West-Berlin vor. Visa und Genehmigungen blieben im Text vorgesehen, die Veröffentlichung der Pressemitteilung war für den nächsten Morgen geplant. Das Zentralkomitee billigte den Entwurf am Nachmittag ohne lange Debatte. Schabowski bekam die Vorlage kurz vor der Pressekonferenz – ohne Hinweis auf die Sperrfrist bis 10. November, 4 Uhr.
Die Beteiligten und ihre Entscheidungen
Sechs Personen stehen für die verschiedenen Ebenen dieser Nacht: die Schreiber der Vorlage, der Sprecher, der Nachfrager, das Fernsehen, der Kommandeur vor Ort und die Führung in Moskau.
Gerhard Lauter 1950–2022
Leiter der Hauptabteilung Pass- und Meldewesen im DDR-Innenministerium
Formulierte am 9. November mit Kollegen den Entwurf der neuen Reiseregelung – ausdrücklich auch für ständige Ausreisen und ohne Vorbedingungen.
Wikipedia: Gerhard LauterChronik der Mauer: Tageschronik November 1989Günter Schabowski 1929–2015
SED-Politbüromitglied und Regierungssprecher
Verlas am Ende der Pressekonferenz die Reiseregelung, ohne über die vorgesehene Sperrfrist informiert zu sein.
Chronik der Mauer: Ton-AbschriftWikipedia: Günter SchabowskiRiccardo Ehrman 1929–2021
Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur ANSA
Fragte nach, ab wann die neue Regelung gelte – die Antwort löste die Ereignisse der Nacht aus.
Wikipedia: Riccardo EhrmanChronik der Mauer: Tageschronik November 1989Hanns Joachim Friedrichs 1927–1995
Moderator der ARD-Tagesthemen
Eröffnete die Sendung um 22:42 Uhr mit der Einschätzung, die Tore der Mauer stünden weit offen – noch bevor das an allen Übergängen zutraf.
Chronik der Mauer: Schabowskis AuftrittWikipedia: Hanns Joachim FriedrichsHarald Jäger 1943–
Stellvertretender Leiter der Passkontrolleinheit am Grenzübergang Bornholmer Straße (Oberstleutnant der Staatssicherheit)
Ließ gegen 23:30 Uhr ohne Befehl von oben den Schlagbaum öffnen, weil er die wachsende Menge nicht mehr gefahrlos zurückhalten konnte – der erste Übergang, der vollständig öffnete.
Chronik der Mauer: Mauerdurchbruch Bornholmer Straße (PDF)Wikipedia: Harald JägerEgon Krenz 1937–
Generalsekretär des ZK der SED
Berichtete Gorbatschow am 10. November brieflich über die Grenzöffnung und nannte eigene Zahlen zu Grenzgängern.
Wilson Center: Brief Krenz an GorbatschowWikipedia: Egon Krenz
Zur Einordnung: Ohne den Druck der Wartenden an den Übergängen hätte keine Erklärung gewirkt. Ohne Jägers Entscheidung vor Ort wäre es womöglich bei der „Ventillösung“ geblieben – der schrittweisen, stillen Ausreise Einzelner mit einem Ungültigkeitsstempel im Ausweis.
Originalquellen: Was ist belegt?
Alle folgenden Einträge sind echte Überlieferungen: Scans, Transkriptionen, Archivsendungen und amtliche Vermerke. Scans und Töne bleiben beim jeweiligen Archiv; hier stehen Herkunftsangabe und Kurzzitat. Nichts davon wurde nachgebaut.
Originalscan: Ministerratsvorlage und Pressemitteilung
09.11.1989 · BStU, MfS, Arbeitsbereich Neiber Nr. 553, Bl. 15–19 · Chronik der Mauer
Mehrseitiger Originalscan der Vorlage zur Reiseregelung und zugehöriger Unterlagen. Nicht mit Schabowskis handschriftlichem Sprechzettel verwechseln. Der PDF-Scan bleibt beim Quellenanbieter; es wird keine freie Bildlizenz behauptet.
Original beim Archiv öffnenOriginal: Schabowskis handschriftlicher Sprechzettel
09.11.1989 · Stiftung Haus der Geschichte · EB-Nr. 2015/01/0001.1
Original vom 9. November 1989, seit 2015 in der Sammlung des Hauses der Geschichte. Urheber: Günter Schabowski; Objektfoto: Axel Thünker. Seine Notizen erinnern an das Verlesen der Reiseregelung; die Reiseregelung selbst steht auf einer separaten Vorlage. Bildnutzung nicht als CC-lizenziert ausgewiesen.
Original beim Archiv öffnenReiseregelung: Wortlaut und Bedeutung
09.–10.11.1989 · ADN-Mitteilung, abgedruckt in Neues Deutschland, 10.11.1989 · Chronik der Mauer
Kurzes Originalzitat aus der überlieferten Pressemitteilung, mit redaktioneller Einordnung. Die englische Übersetzung stammt von Time Travel Atlas und ist kein Originaltext.
Original beim Archiv öffnenTon-Abschrift: die entscheidende Antwort
09.–10.11.1989 · Hans-Hermann Hertle · Transkription des Kamera- und Tonmitschnitts · Chronik der Mauer
Eine nachträgliche, wissenschaftliche Ton-Abschrift der Originalaufnahme. Kein handschriftlicher Originalzettel und kein offizielles Sitzungsprotokoll.
Original beim Archiv öffnenSprechzettel: Erinnerung an den Ministerratsbeschluss
09.–10.11.1989 · Haus der Geschichte · Objekttranskription · EB-Nr. 2015/01/0001.1
Kurze Zitate aus der vom Museum veröffentlichten Objekttranskription. Handschrift und Originalfoto können beim Museum betrachtet werden.
Original beim Archiv öffnenOriginalaufnahme: Schabowskis Pressekonferenz
09.11.1989 · DDR-Fernsehen / Deutsches Rundfunkarchiv · UNESCO AVFONDS-CIINF-0205
Archivkatalog zur historischen Fernsehaufnahme. Rechteinhaber: Deutsches Rundfunkarchiv, Potsdam-Babelsberg. Der externe Eintrag zeigt die Aufnahme bzw. ihre Archivinformationen; hier läuft kein vermeintlicher Videoclip aus einem Standbild.
Original beim Archiv öffnenOriginalsendung: Tagesschau vom 9. November, 20 Uhr
09.11.1989 · ARD / tagesschau
Die originale 20-Uhr-Ausgabe dokumentiert, wie das Westfernsehen die neue Reiseregelung meldet. Sendung und Bildrechte verbleiben bei der ARD; Wiedergabe beim Sender.
Original beim Archiv öffnenBrief: Egon Krenz an Michail Gorbatschow, 10. November 1989
10.11.1989 · Wilson Center Digital Archive / University of Maryland · CWIHP Archives · Record 118701
Echter historischer Brief, hier als kurzer Auszug aus der veröffentlichten englischen Übersetzung. Der Katalog nennt Russisch als Ausgangssprache. Die Zahlen sind Krenz’ damalige Angaben an Gorbatschow, keine unabhängig bestätigte Statistik. Die vollständige Übersetzung und Rechtehinweise stehen beim Archiv; kein deutscher Originalbrief wird nachgebildet.
Original beim Archiv öffnenAktenvermerk: Gespräch Duisberg–Glienke, 10. November 1989
10.11.1989 · Gesprächsbeginn 14:30 Uhr · Bundesarchiv · BArch B 136/20496 · Dokumente zur Deutschlandpolitik, Nr. 79, S. 502–503
Amtlicher Gesprächsvermerk vom 10. November, veröffentlicht in der wissenschaftlichen Edition von 1998. Kein Wortprotokoll und kein nächtliches Grenzpostenprotokoll. Die PDF-Ausgabe ist eine Editionswiedergabe aus den Akten, kein Scan der ursprünglichen Handschrift. Vollständiger Text und Anlage Nr. 79A beim Bundesarchiv; Editionsrechte: Walter de Gruyter, 1998.
Original beim Archiv öffnenMinisterratsbeschluss: Anlage Nr. 79A „Zur neuen Reiseregelung“
Beschluss 09.11.1989 · übergeben 10.11.1989 · Bundesarchiv · Dokumente zur Deutschlandpolitik, Nr. 79A, S. 504
Überlieferter Beschlusstext als Anlage zum amtlichen Gesprächsvermerk. Die Genehmigungen und Visa bleiben vorgesehen; der Wortlaut ist nicht identisch mit einer kontrollfreien Grenzöffnung. Kurzes Zitat aus dem Editionsabdruck, kein nachgebautes Amtsdokument. Vollständige vier Punkte stehen auf Seite 504 des verlinkten Archiv-PDF.
Original beim Archiv öffnen
Zeitzeugen und Originaltöne
Die vollständige Pressekonferenz liegt als Originalton beim SWR; Harald Jägers Stimme und vier weitere Zeitzeugenberichte sind bei Chronik der Mauer und im Zeitzeugenportal der Stiftung Haus der Geschichte abrufbar. Es sind spätere Erinnerungen, keine Aufnahmen aus der Nacht selbst – das ist bei jeder Aufnahme vermerkt.
SWR: Pressekonferenz im OriginaltonChronik der Mauer: ZeitzeugenclipsZeitzeugenportalHäufige Irrtümer über den Mauerfall
„Die Mauer fiel um Mitternacht.“
Zuerst vollständig geöffnet wurde die Bornholmer Straße – gegen 23:30 Uhr, nach anderen Chronologien um 23:29 Uhr. Weitere Übergänge folgten in der Nacht. Der bekannteste Ort, das Brandenburger Tor, war zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Übergang.
„Schabowski war allein schuld.“
Seine Antwort war entscheidend, aber sie fiel auf eine bereits geöffnete Lage: geflohene DDR-Bürger, Botschaftsbesetzungen, 70.000 Demonstranten in Leipzig am 9. Oktober und eine Reiseregelung, die das eigene Ministerium bewusst weit gefasst hatte. Der „Versprecher“ war Auslöser, nicht Ursache.
„Am Brandenburger Tor begannen die Feiern.“
Die Massenströme dieser Nacht liefen über Bornholmer Straße, Invalidenstraße, Sonnenallee und den Checkpoint Charlie. Am Brandenburger Tor standen Menschen auf der Mauer, doch ein regulärer Übergang entstand dort erst am 22. Dezember 1989 – mit Kohl und Modrow.
„Der 9. November 1989 war die Wiedervereinigung.“
Die Öffnung der Grenze und die staatliche Einheit sind verschiedene Ereignisse. Dazwischen liegen freie Volkskammerwahlen im März 1990, die Währungsunion am 1. Juli, der Zwei-plus-Vier-Vertrag am 12. September und der Beitritt der DDR am 3. Oktober 1990.
„In dieser Nacht wurde die Mauer abgerissen.“
In den ersten Tagen schlugen „Mauerspechte“ Stücke heraus. Der planmäßige Abriss begann erst am 13. Juni 1990 an der Bernauer Straße. Der größte Teil der innerstädtischen Mauer verschwand bis Ende 1990; einzelne Abschnitte blieben dank Denkmalschutz und Bürgerinitiativen erhalten.
Heute an die Mauer erinnern
Wer 1989 nicht erlebt hat, braucht Orte, Belege und Erzählungen, die Fakten und Deutung auseinanderhalten. Diese Anlaufstellen liefern beides.
Gedenkstätte Berliner Mauer, Bernauer Straße
Längster erhaltener Abschnitt des Grenzstreifens mit Wachturm, Kapelle der Versöhnung und einer Stahlstange entlang des früheren Verlaufs. 1998 begründet, 2014 vollständig fertiggestellt.
Mehr dazuGedenkprojekt zu den Todesopfern
Die Online-Chronik der Chronik der Mauer dokumentiert die mindestens 140 nachgewiesenen Todesopfer mit Biografien – für jede Zahl ein Mensch.
Mehr dazuEast Side Gallery
Rund 1,3 Kilometer erhaltene Mauer an der Spree, 1990 von Künstlerinnen und Künstlern bemalt – heute Denkmal und zugleich Ort des Streits um seinen Erhalt.
Mehr dazuPflasterstein-Doppelreihe im Stadtraum
Sie zeichnet den Mauerverlauf durch die Innenstadt nach – unspektakulär und oft übersehen, weil sie genau dort liegt, wo der Alltag weiterläuft.
Mehr dazuLichtgrenze, 2014
Zum 25. Jahrestag markierten rund 8.000 leuchtende Ballons auf etwa 15 Kilometern den ehemaligen Verlauf; am Abend des 9. November stiegen sie nacheinander auf.
Mehr dazu
Im Atlas erleben: Karte, Chronik, Archiv und Quiz
Der Mauerfall ist im Time Travel Atlas als Meisterwerk ausgearbeitet: 19 Stationen, Originaldokumente, eine Grenzöffnungs-Simulation und klar gekennzeichnete KI-Szenen.
Ereignis mit 19 Stationen
Zeittafel, Orte, Bilder und Quellen in einer Führung.
ÖffnenNachtchronik
16 Einträge mit Quellenleisten und Hinweisen zur Beleglage.
ÖffnenKarte der Übergänge
Alle Übergänge mit Zeitraffer-Video der Öffnung.
ÖffnenArchiv
Originaldokumente, Fotos und Töne im Überblick.
ÖffnenQuiz zum Mauerfall
Sechs Fragen auf Grundlage der Archivquellen.
ÖffnenMediathek
Alle Videos, Simulationen und Audioguides an einem Ort.
Öffnen
Vom Mauerfall zur Einheit: die folgenden Monate
13.06.1990
Der offizielle Abriss beginnt
Nachdem Mauerspechte monatelang Stücke abgeschlagen haben, beginnen DDR-Grenztruppen an der Bernauer Straße mit dem planmäßigen Abriss. Bis Ende 1990 verschwindet der größte Teil der innerstädtischen Mauer; einzelne Abschnitte bleiben als Denkmal erhalten.
Beleg01.07.1990
Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion
Die D-Mark wird in der DDR offizielles Zahlungsmittel. Löhne und Renten werden 1:1 umgestellt, Ersparnisse bis 2.000/4.000/6.000 Mark (nach Alter) 1:1, darüber 2:1. Die Einheit beginnt wirtschaftlich, bevor sie staatlich vollzogen ist – mit großen Hoffnungen und späteren Brüchen.
Beleg12.09.1990
Der Zwei-plus-Vier-Vertrag
In Moskau unterzeichnen beide deutsche Staaten und die vier Siegermächte den Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland. Er regelt Grenzen, Truppenstärke und volle Souveränität.
Beleg03.10.1990
Tag der Deutschen Einheit
Um Mitternacht tritt die DDR der Bundesrepublik bei. Vor dem Reichstag feiern Hunderttausende. Die Teilung ist staatlich beendet – elf Monate nach der Maueröffnung.
Beleg1991–2004
Mauerschützenprozesse
Gerichte verhandeln Todesschüsse an der Grenze – gegen Soldaten, Kommandeure und Mitglieder der DDR-Führung. Die Verfahren fragen, ob Befehle und DDR-Recht Tötungen rechtfertigen konnten. Mindestens 140 Menschen starben an der Berliner Mauer. Nur wenige Urteile endeten mit Haft ohne Bewährung, u. a. für Heinz Keßler (1993) und Egon Krenz (1997).
Beleg1998 / 2014
Gedenkstätte Bernauer Straße
An der Bernauer Straße entsteht ab 1998 die zentrale Gedenkstätte: erhaltener Grenzstreifen, Wachturm, Kapelle der Versöhnung und Stahlstangen entlang des früheren Mauerverlaufs. Seit 2014 ist das Außengelände vollständig.
Beleg09.11.2014
Die Lichtgrenze
Zum 25. Jahrestag markieren rund 8.000 leuchtende Ballons auf etwa 15 Kilometern den einstigen Mauerverlauf. Am Abend des 9. November steigen sie nacheinander auf. Erinnerung wird zur gemeinsamen Erfahrung im Stadtraum.
Beleg
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